Heimkehr: Die größte Angst am Reisen

Heimkehr: Die größte Angst am Reisen

Wir sitzen irgendwo im Regenwald von Mexiko auf der Terrasse einer Bar. Es ist dunkel, um uns herum kreischen Affen und der Geruch von Schweiß und schalem Bier liegt in der Luft. Uns gegenüber sitzt John. John ist 47 Jahre alt und reist bereits seit 7 Jahren. Eigentlich wollte er nur mal für ein paar Monate raus. Raus aus dem Alltag, dem Job. Raus aus der missglückten Ehe und dem Gefühl des Scheiterns. Mit 40 handelte er bei seinem Chef drei Monate unbezahlten Urlaub aus, packte seinen Rucksack und flog nach Bangkok. Doch er kam nicht nach drei Monaten zurück. John entschied sich, für immer zu reisen. Seine sonnengegerbte Haut schlägt tiefe Falten, wenn er spricht oder über eine seiner eigenen Geschichten lacht. John hat viel erlebt und ist trotzdem nicht glücklich.

John hat Angst. Nicht vor Überfällen. Nicht vor Naturkatastrophen oder Bandenkriegen. Er hat Angst vor der Heimkehr. In rauer Stimme spricht er zu uns: „Den größten Mut brauchst du auf Reisen für die Rückkehr nach Hause“. Wir belächeln ihn. Schließlich liegen immer noch 15 Monate Reise vor uns. Heimkehr – das ist noch so weit weg.

Anderthalb Jahre später sitzen wir in einer Boing Blechdose, atmen miese Luft ein und starren auf unsere lauwarme Mahlzeit. Wir fliegen Richtung Frankfurt. Nach Hause. Etwas verhalten stochern wir in unseren Nudeln und denken daran, dass wir 24 Stunden zuvor noch am Strand von Südafrika lagen. Da war die Welt noch in Ordnung. Alles ging seinen geregelten, ungeregelten Gang. Keine Termine, keine Ämter, keine Hektik. Ich denke an John zurück, dessen Bedenken ich nicht teilen konnte, und habe nun selbst Angst. Er hatte Recht. Der größte Schritt einer Langzeitreise ist der Schritt zurück. Alle reden vom Weggehen, von Abenteuern, neuen Freundschaften, der Freiheit. Alle wollen weg. Doch was kommt danach?

Irgendwann kommt der Moment, an dem du deinen Rucksack das letzte Mal vom Band nimmst und um dich herum plötzlich wieder deine Heimatsprache gesprochen wird. Deine Familie wartet bereits auf dich und du fällst in tränenreiche Umarmungen. Der Moment, den du so weit weg wähntest – er ist nun da.

Die ersten paar Tage und Wochen lebst du das Rockstarleben: Alle wollen dich treffen, Geschichten hören, Bilder sehen (aber bitte keine 10.000 Stück!). Du bist wie im Rausch und das Leben ist ein bisschen wie auf Reisen: ungewiss und spannend. Doch irgendwann kommt die Erkenntnis. Es reicht. Du hast genug erzählt. Oft genug hat man dich am Strand liegend auf Bildern gesehen. Die Leute wissen nun, dass du eine tolle Zeit hattest. Es ist vorbei. Dein Reise-Ich geht unter, es ist nur noch ein One-Hit-Wonder. Du sitzt in deinem alten Kinderzimmer und merkst, dass sich irgendwie gar nichts verändert hat. Mit deiner Bräune verschwinden auch andere Verhaltensweisen. Du verlierst deine Lässigkeit. Niemand staunt mehr, wenn du ihnen sagst, dass du für ein paar Jahre auf Weltreise bist und dein nächstes Ziel noch nicht kennst. Stattdessen sitzt du auf Ämtern und regst dich über die hiesige Bürokratie auf. Du sitzt mit deinen alten Freunden zusammen und hörst dir die selben Geschichten an, wie vor deiner Abreise. Der eine hat ein heißes Mädchen getroffen. Der andere war mal wieder total besoffen. Immerhin wollen sie dieses Jahr auch mal auf Reisen gehen: 14 Tage Malle… Dann sitzt du da und bist eigentlich ganz weit weg. Zurück in den Hostels mit den vielen fremden Menschen, die dich doch besser verstanden haben, als deine besten Freunde zu Hause. Statt mit einem Israeli, einem Engländer und zwei Australiern auf der Dachterasse des Hostels zu sitzen und über die Welt zu schwadronieren, bist du nun allein. Du fühlst dich einsam, obwohl dein Leben plötzlich wieder hektisch wird.

Plötzlich fragen dich alle nach deinem Plan. Wo wirst du wohnen? Wann fängst du an zu arbeiten? Denk an die Rente! Plötzlich merkst du, du hattest keine Angst vor dem Reisen. Du hattest Angst vor dem Zurückkommen. Vielleicht fühlst du dich leer, unverstanden und missachtet. Da warst du so lange im Ausland und niemand bemerkt die Veränderung, die du vollzogen hast. Als ob du eine neue Sprache erlernt hast und sie doch nicht gebrauchen kannst. Denn in deinem Freundeskreis spricht niemand diese Sprache. Niemand hat je einfach alles zurückgelassen, um völlig auf sich selbst gestellt das Leben zu meistern.

Und dann willst du weg. Wieder raus in die Welt. Neue Leute und neue Orte erkunden. Wieder diese Sprache sprechen. Heimkehr ist der schwierigste Teil der Reise und der größte Grund, warum es uns, wie auch viele andere zuvor und wohl auch in Zukunft, immer wieder hinauszieht.

Finde tolle Hostels für deine nächste Reise. 

Über die Autoren

Zwei Jahre erlebten Tine und Dome von Zeitweiseweltreise die pure Freiheit auf einer Reise um die Welt. Nun sind sie wieder zurück, berichten von ihren Erlebnissen und bereiten das nächste große Abenteuer vor.

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Über den Autor

Rayhana El-Mahgary

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4 Responses to “Heimkehr: Die größte Angst am Reisen”

  1. Hi Leute,

    ihr sprecht mir aus der Seele. Bin seit einem halben Jahr wieder zurück von meiner Langzeitreise. Anfangs noch total geflasht alte Freunde und Bekannte zu treffen, aber dann kommt dieser Moment wo dir alles zu viel wird und jeder nur noch fragt “ was machst du eigentlich jetzt“ “ hast du wieder einen Job“ …usw.
    Das stresst so unheimlich, weil jeder erwartet du hast einen Plan. Daran zu denken, wie kann ich mich jemals wieder in dieses System eingliedern war für mich am schwierigsten. Teilweise war es am Anfang ein wirklicher Kulturschock wieder hier zu sein. Als ich einen Job angenommen hatte, fühlte ich mich wie eine Maschine. Keine Freiheiten mehr, total unflexibel und irgendwie völlig unzufrieden. Jedoch wollte ich nicht wieder ins Ausland fliehen. Denn mein Gedanke war, jede Rückkehr wird dadurch noch schlimmer. Es wäre nur ein weglaufen. Ich wollte mich meiner neuen Situation stellen. Habe ganz viel mit meinen Eltern und Geschwistern geredet. Mittlerweile bin ich umgezogen und es macht richtig Spaß die neue Gegend zu erkunden und neue Bekanntschaften zu schließen. Habe auch schon wieder kleine Rucksack Touren gemacht und es tat so unheimlich gut. Ich denke der Mensch ist ein Gewohnheitstier – gebt euch einfach Zeit und redet viel mit euren Liebsten. Haltet mit euren Travel Buddys weiterhin Kontakt und redet mit Ihnen über die Heimkehr und deren Erfahrungen. Gleichgesinnte können ja wohl am besten sich in deine Situation hineinversetzen.

  2. Uns ging/geht es genauso. Irgendwann muss man ankommen und hier weiterleben. Ein ganzes Leben auf Reisen Stelle ich mir sehr schwer vor, vor allem später mit Kindern. Lg

  3. Ich ziehe nächstes Jahr frühstens im April los. Ehrlich gesagt mache ich mir nicht den Kopf darüber wann wie wo ich hinreise. Sondern eher wie ist das zurückkommen,obwohl ich nichtmal los bin. Naja ich bin gespannt was da auf mich zu kommt.

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